Hans-J. Müller

Profilbild Hans-J. Müller


1952            Geboren in Donaueschingen
1978-85       Studium der Bildhauerei, HfG Bremen
1985            Arbeitsaufenthalt in Japan als Assistent von Prof. Altenstein
1992            Gastprofessur HfK Bremen für Steinbildhauereu
1994            Casa-Baldi-Stipendium, Olevano ROmano
1994            Artist in-Residence im Lookout Sculpture-Park, USA
1998/99       Lehrauftrag im FB Architektur, Fachhochschule Oldenburg
2001            Lehrauftrag an der HfK Bremen

Als Bildhauer hat Hans - J. Müller eine unverwechselbare Handschrift entwickelt, die Geometrie und Figur verbindet. Die Setzung von Schrägen zwischen Block und Figur markiert einen Übergang zwischen beiden Bereichen, aber die Figur bleibt immer auch Grundform und umgekehrt. Müllers Figuren fangen im Block an, oder: seine Blöcke gipfeln in der Figur. Das ist wohl eine Frage der inhaltlichen Perspektive. Die menschliche Figur ist bei Müller immer oben, aber diese Figuren sind nie Krönung, sondern Teil eines bildhauerischen Programms, das von ihm mit großer Konsequenz durchgehalten wird.

Die menschliche Figur ist bei Müller die schmale Form, die auf einer breiten Basis steht. In seinen Skulpturen lässt sich somit das altehrwürdige Schema der Pyramide erkennen, das diesen Arbeiten ihre stabile, klare Erscheinung gibt. Der Bildhauer braucht auch nur wenig, um den oberen Teil seiner Skulpturen als Figur zu markieren. Eine Abfolge von Proportionen, die an Kopf, Schultern, Brust, Taille erinnert, genügt um aus einem Stein oder einem Holzbalken ein deutlich lesbares Zeichen Mensch zu machen. Müllers Gruppen heißen "Karawane" oder "Begegnung", abhängig davon, wie die Nasen stehen, aber dieses inhaltliche Element spielt nur als Teil des größeren bildhauerischen Ganzen eine Rolle.

In zwei neueren Arbeiten hat Müller seine Zeichensprache auf andere Materialien übertragen. Die bildhauerische Logik des Zusammenhangs zwischen Block und Figur ist damit nur oberflächlich verloren gegangen, denn es bleibt die Stärke des visuellen Motivs. In Stahl geschnitten bleibt die Einprägsamkeit der Silhouette und Müller ist Bildhauer genug, um zu wissen, dass Bildhauerei nicht immer die beste Lösung ist.
Im Zusammenhang mit der Gestaltung eines Kreisverkehrs in Bremen-Vahr nahm der Künstler sein Motiv der Begegnung, wiederholte es sechs Mal und versetzte die so entstandenen Elemente. Durch die bunte Farbe ist das Motiv von allen Sichtachsen des Kreisverkehrs heraus wiedererkennbar. Dabei trägt die offene Bogenform, auf der sich Mann und Frau begegnen, auch einem Paragraphen in der deutschen Straßenverkehrsordnung Rechnung, der besagt, dass bei der Einfahrt eines Kreisverkehrs die gegenüberliegende Seite einsehbar sein sollte. Das Fehlen von magistralen Brunnenanlagen auf deutschen Kreisverkehren hat somit nichts mit dem Zustand der Bildhauerei in diesem Land zu tun.

Spaß beiseite, diese Arbeit von Hans Müller hat eine städtebauliche Funktion, die in den Diskussionen zur Kunst im öffentlichen Raum zu einfach übergangen wird. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Architektur von Bildhauerei gesäubert wurde, erlebte diese Kunstform über den Umweg im Städtebau eine bemerkenswerte Renaissance, die sich fernab der großen Debatten der Kunst abspielte, aber um einiges mehr zur Lebensqualität in den Städten beiträgt. Skulpturen und vor allem Zeichen vom Menschen können Räume gliedern,  so die Entdeckung von einigen amerikanischen Städteplanern, die eigentlich gar keine figürliche Bildhauerei mochten. Diese psychologische Qualität der Bildhauerei war jedoch stärker als die dogmatische Ablehnung und hatte somit große Folgen für die betroffene Kunstform. Während Kunst am Bau die Aussage der Architektur verstärkt, kann Kunst im öffentlichen Raum die Position des Bürgers psychologisch stärken. Eine menschliche Figur gibt einer städtebaulichen Fläche Maßstab. Kreisverkehre sind unzugängliche Inseln im tagtäglichen Verkehrsstrom. Die sechs Begegnungen von Hans Müller erinnern daran, dass auch diese Erfindung den Menschen und ihrer Gesellschaft dienen sollte.

Für das Eingangstor zum Bremer Rhododendronpark reduzierte Müller seine Zeichen gar zu den bloßen Umrissen und kombinierte dies mit floralen Motiven. Das Tor markiert den Übergang zwischen einer Mischung von Schulhof und Parkplatz in Bremen-Horn und einem der rekreativen Highlights der Stadt. Der Park dient der Entspannung und Erholung und die Hauptdarsteller an diesem Ort sind die Pflanzen und die Besucher. Kunst hat hier eine dienende Funktion, aber daraus sollte nicht der falsche Umkehrschluss gezogen werden, als habe die Kunst über ihre gesellschaftliche Relevanz (jawohl, diese funktioniert mitten im Leben) ihre künstlerische eingebüßt. Die Kunstgeschichte – ein Fach, das über lange Zeitabschnitte nachdenkt – erinnert auch daran, dass für langfristige Wirkung im öffentlichen Raum beide Elemente zusammengehen müssen.

Das Tor im Rhododendronpark zeigt, wie stark die künstlerische Position von Hans - J. Müller inzwischen geworden ist. Sie kann sich auch respektvoll unterordnen, ohne dabei unterzugehen. An den vertikalen Streben des Tores aber meldet sich der Bildhauer. Leise, aber deutlich. Hier offenbart sich die Herkunft dieser Bildersprache aus quadratischen Grundformen, die durch die gezielte Setzung von Schrägen zu Zeichen der menschlichen Figur werden. 

Arie Hartog | Kustos im Gerhard Marcks-Haus, Bremen


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